Was kommt bei raus, wenn man unter der Prämisse „Alles ist erlaubt“ viel Arbeit mit wenig Schlaf kombiniert? Richtig, ein Ziegen-Simulator. Das ursprünglich als Scherz gedachte Produkt eines internen „Game Jams“ entwickelte sich im Jahr 2014 zu einem Überraschungserfolg auf Valves digitaler Vertriebsplattform Steam. Ein verrücktes Konzept, ein Trailer, der „Dead Island“ parodierte – und schon war der im Englischen Hype Train genannte Zug der Begeisterung ins Rollen gebracht. Pünktlich zum ersten April veröffentlicht, ist das Spiel eine Paradebeispiel für die Machwerke, die man heute als „YouTube-Bait“ bezeichnen würde.

In diese Kategorie fallen diejenigen Spiele, die mit dem Ziel programmiert wurden, in Videos oder Livestreams großer YouTuber eine gute Figur zu machen. Denn wer schaut seinem Lieblings-Videoproduzenten nicht gerne dabei zu, wie er mit seiner Ziege eine nordamerikanische Kleinstadt in Schutt und Asche legt? Eben. Laut Steamspy.com wurde der „Goat Simulator“ alleine auf der bedeutendsten Verkaufsplattform für PC-Spiele bisher rund 2,5 Millionen Mal verkauft und stellt so den mit Abstand größten Erfolg der schwedischen Coffee Stain Studios dar. Noch im September des Erscheinungsjahres wurde das Spiel auf iOS und Adroid portiert. Was die mobile Version taugt, lest ihr in diesem Testbericht.

Kaum Fortschritt, keine Regeln

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Der Bug ist das Feature, der Fehler ist gewollt – Situationen wie diese hier treten ständig auf.

Am Anfang steht die Auswahl einer Karte. Ich schaue mir die drei in der Grundversion des Spiels vorhandenen Spielwelten an, die meine Ziege in der mobilen Version des Goat Simulators erkunden kann. Zu der angesprochenen Kleinstadt aus der Anfangszeit als YouTube-Phänomen sind inzwischen zwei weitere Maps hinzugekommen, von denen eine eindeutig auf GTA Vice City anspielt. Weitere Karten mit anderen Spielmodi können per In-App-Kauf erworben werden. Doch ich entscheide mich gegen die Kleinstadt und den Miami-Verschnitt und wähle stattdessen „Buck to School“ aus. Plötzlich stehe ich in Gestalt einer Ziege vor den Toren einer US-amerikanischen High School.

Aus dem Beschluss, mich nur mal kurz umzusehen, wird schnell eine halbstündige Spielsession. Bereits nach kurzer Zeit habe ich einen Hürdenlauf gewonnen, die Ballkönigin vom Thron gestoßen und ihren Platz eingenommen, der Sekretärin ihren Monitor geklaut, den Pool einer „School’s Out-Party“ unter Strom gesetzt, Schüler aus Käfigen befreit und durch Letzteres eine Revolution in Gang gesetzt. Oder kurz gesagt: In wenigen Minuten auf dem Gelände der „Goatville High“ habe ich mir eine Reputation aufgebaut, die irgendwo zwischen Schulrowdy und Jahrgangsheld liegt. Und das als Ziege.

Die ausgewählten Möglichkeiten auf dem Schulgelände beschreibt perfekt, was der Goat Simulator für Möglichkeiten bietet. Ich kann mich auf den kleinen Karten frei bewegen, springen, Personen oder Gegenstände stoßen, Dinge mit Hilfe der Zunge mitziehen und die Ziege in eine rag doll verwandeln. Für zerstörte Objekte und erfolgreich absolvierte Aufgaben gibt es Punkte, die nach einem undurchsichtigen System vergeben werden. Eine wirklich wichtige Funktion erfüllen diese aber ohnehin nicht. Sie sind sogar ziemlich egal.

Das Spiel bietet kaum Fortschritt und keine Regeln, stattdessen aber ein paar verrückte Aufgaben, die ähnlich wie Nebenquests in Open World Spielen mehr oder weniger durch Zufall entdeckt und absolviert werden. Zumindest am Anfang macht dies einen Teil der Faszination aus: Was kann ich als Ziege alles tun? Welche bizarren Aufgaben und Anspielungen haben sich die Entwickler einfallen lassen? Und was passiert eigentlich, wenn die Ziege eine Holzkiste mit ihrer Zunge greift und sie auf die Cheerleader am Rande des Football-Feldes wirft?

Kaputte Physik als Spielfeature

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Auch wenn dieses Objekt nur schwer als solche zu erkennen ist: Dies hier ist tatsächlich eine Ziege.

Ein nicht unerheblicher Teil des Humors entsteht durch die absurde Physik. Per Stoß lässt die Ziege Gegenstände durch die Luft wirbeln und Autos explodieren. Personen verrenken sich auf unnatürliche Art, wenn die vom Haupt der Ziege getroffen werden; ihre Extremitäten ziehen sich schon mal wie Knete in die Länge. Der Paarhufer bleibt gerne mal mit dem Kopf in der Wand oder einer Brüstung stecken, versinkt im Boden oder fällt sogar durch die Welt. Anders als in anderen Simulatoren, bei denen man offenbar an der Qualitätskontrolle sparte, sind dies keine Fehler. Es sind essentielle Bestandteile des Spiels. Der Bug ist das Feature, der Fehler ist gewollt. Und genau dort liegt ein Problem des Goat Simulators.

Andere Simulatoren nehmen sich selber ernst und scheinen den Anspruch zu verfolgen, eine realistische Simulation darzustellen. Die Fehler – meist physikalischer Natur – sind witzig, weil sie eben nicht gewollt sind. Als Spieler muss ich sie provozieren, indem ich so spiele, wie der Entwickler es eben nicht will. Dann fliegen Autos schon mal wild und physikalisch nicht wirklich korrekt durch die Lüfte, wenn man nur etwas vom vorgegebenen Weg abkommt. Und manchmal funktionieren selbst die Dinge nicht, die der Spieler nach Wunsch des Entwicklers wirklich tun soll. Der Goat Simulator ist anders: Die augenscheinlich kaputte Physik entpuppt sich als ein wichtiges Feature. Sie wird nicht zu versteckt, sondern zur Schau gestellt und mit einem großen blinkenden Neonschild beworben.

Als Folge wirkt der Goat Simulator gewollt witzig. Alle Aussetzer passieren nicht nebenbei, sondern sind das Hauptelement des Spiels. Streng genommen sind sie sogar das einzige Element des Spiels. Dazwischen finden sich zwar eine ganze Reihe an Referenzen, die allerdings vergeblich versuchen, abseits der absurden Physik Humor ins das Spiel zu bringen. Die Palette der Anspielungen reicht von Flappy Bird über Fußballer Zlatan Ibrahimovic und Star Wars bis hin zu Stonehenge. Sogar ihr eigenes Studio bauten die Entwickler in den Goat Simulator ein, das sich natürlich samt Mitarbeitern und IKEA-Möbeln in seine Einzelteile zerlegen lässt. (Zwei erfolgreiche schwedische Produkte in einem Absatz; man merkt, woher der Entwickler stammt.)

Langeweile statt Entdeckungstrieb

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Flappy Bird und Nyan Cat: An Anspielungen mangelt es dem Goat Simulator nicht.

Am Anfang entstehen die guten Momente des Spiels noch durch Unerwartetes, doch nachdem ich den Humor des Spiels kennengelernt habe, kann Nichts mehr wirklich überraschen. Im Spiel finden sich mehrere Szenen, die auf unterschiedlichen Karten ähnlich umgesetzt wurden. Statt der angesprochenen Ballkönigin stößt man andernorts beispielsweise den Musikproduzenten Deadmau5 vom DJ-Pult, woraufhin man ebenfalls dessen Platz einnimmt. Hier wurde ein Witz schlicht recycelt, der spätestens beim zweiten Mal weder überraschend noch lustig ist. Sinnlose Zerstörungen und Anspielungen sind in Titeln wie GTA eine nette Abwechslung zur Story, die das Spiel bereichern. Als einzige Elemente eines Games sind sie jedoch nicht in der Lage, längerfristig zu unterhalten. Der anfängliche Entdeckungstrieb wich bei mir schnell einer gewissen Langeweile. Nichts mehr konnte mich wirklich überraschen, weil ich es entweder schon gesehen hatte oder einfach erahnen konnte, was wohl passieren würde.

Die Steuerung ist in Ordnung umgesetzt. Auf der linken Seite des Bildschirms befindet sich der Joystick zum Bewegen, rechts liegen die Knöpfe für die jeweiligen Aktionen, die von der Ziege ausgeführt werden können. Dabei funktioniert nicht alles: Einige (wenige) Bereiche, die im Spiel für den Desktop begehbar sind, lassen sich aufgrund der manchmal hakenden Steuerung nicht erreichen – alles andere als optimal. Auch die Grafik ist mit diesem Halbsatz gut umschrieben. Der Goat Simulator sah schon auf dem PC nicht wirklich gut aus und glänzt auch mobil durch unscharfe Texturen und eine lieblos gestaltete Umgebung.

Fazit

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Als Deadmau5 über den Dächern Miamis ein Konzert geben: Beim ersten mal witzig, danach nicht mehr.

Das Spiel ist eben ein April-Scherz. Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht ganz witzig, bei genauerem Hinsehen ist es weit davon entfernt, ein Meisterwerk des Humors zu sein. Die eingebauten Witze und Anspielungen sind selten wirklich witzig und auch die absurden Physik-Spielereien verlieren schnell ihren Reiz. Trotz der unterschiedlichen Karten bietet der Ziegen-Simulator unter dem Strich zu wenig Abwechslung. Nach maximal zwei Stunden hat man das meiste entdeckt. Wer für diese Zeit leichte Unterhaltung sucht, kann ruhig zuschlagen, wenn es die App in einer Aktion günstiger gibt. Für den Vollpreis von knapp fünf Euro ist der Goat Simulator selbst Fans solcher Spiele nicht wirklich zu empfehlen.

Preis: 4,99 €
Preis: 5,49 €+
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Über den Autor

Hallo, ich heiße Julius und bin 19 Jahre alt. Ich bin immer auf der Suche nach neuen interessanten Apps und schreibe hier beim PXLMAG vor allem über Selbige. Aber auch über andere Themen rund um Technik, die mich interessieren, finden hier ihren Platz.