Es gab eine Zeit, da schien von Apples Keynotes eine gewisse Magie auszugehen. Sobald Steve Jobs die Bühne betrat und das „one more thing“ ankündigte, lag ihm nicht nur der Saal, sondern auch die Presse zu Füßen. Mit seinem eigenwilligen Kleidungsstil aus Rollkragenpulli, Jeans und Turnschuhen wirkte er wie der Gegenentwurf zu normalen CEOs in Anzügen, die ihre Entscheidungen aufgrund von Excel-Tabellen treffen. Stattdessen hing Jobs der Ruf als „Initiator der Innovationen“ an, der seine Ziele kompromisslos anstrebte und aus dem wirtschaftlich am Boden liegenden Apple eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt formte.

Schon zu Lebzeiten drangen zahlreiche Geschichten aus der Firmenzentrale in Cupertino nach außen, die dieses Bild festigten. So soll Jobs laut eines damaligen Mitarbeiters den ersten Prototypen des iPods in das Aquarium seines Büros geworfen haben. Die aufsteigenden Luftbläschen sollten seinen Ingenieuren beweisen, dass die das Gerät doch noch kleiner bauen könnten. Der iPod wurde zum Welterfolg – genau wie die dazugehörige Software iTunes, die Kunden als eine der ersten im Internet legal und zu fairen Preisen Musik erwerben ließ.

Der Ruf beginnt zu schwinden

Natürlich war der kleine Musik-Player nicht das einzige neue Gerät, dass Jobs während seiner Amtszeit etablierte. Mit dem 2007 vorgestellten iPhone trug er einen entscheidenen Teil zur Erfolgsgeschichte der Smartphones bei und wiederholte dies rund drei Jahre später mit dem iPad auch für Tablets. Apple hatte zwar nachweislich weder die einzelnen Komponenten, noch die Geräteformen an sich erfunden, diese jedoch neu zusammengesetzt beziehungsweise in einigen Details entscheidend verbessert. Zudem machte es der Mangel an erfolgreichen Konkurrenzprodukten auf dem Markt einfacher, iPhone und iPad als Innovationen zu verkaufen. Als Jobs im Oktober 2011 an einer Krebserkrankung starb, ließen viele seiner Fans digitale Kerzen auf dem iPad brennen, anstatt eine Echte anzuzünden. Ein Symbol dafür, wie sehr die Geräte die mobile Kommunikation verändert hatten.

Unter Jobs Nachfolger Tim Cook begann Apples Ruf als innovatives Unternehmen langsam zu schwinden. Zwar brachte man mit dem 12’’ MacBook von 2015, das außer Kopfhörerbuchse und USB Typ-C-Anschluss keinen einzigen Eingang besitzt und zudem sehr dünn gebaut ist, einige interessante Geräte hinaus – doch am mit Abstand wichtigsten Produkt, dem iPhone, änderte sich ab 2014 äußerlich nicht mehr viel. Schon kurz nachdem das iPhone 7 im September der Öffentlichkeit präsentiert wurde, meldeten sich zahlreiche enttäuschte Medienvertreter und Apple-Fans zu Wort, die ihren Unmut über das Gerät zum Ausdruck brachten.

„Evolution statt Revolution“

Die Liste an Kritikpunkten war lang: nur minimale Änderungen am Design, weiterhin vergleichsweise große Displayränder, kaum Veränderungen an der Hauptkamera und eine seit nun mehr drei Generationen unveränderte Displayauflösung. Der natürlich wieder einmal schnellere Prozessor, die Dual-Kamera im Plus-Modell, die Wasserfestigkeit und der Home Button mit Force Touch seien nur kleine Veränderungen, die Kunden mit dem Gefühl zurückließen, Apple wolle ihnen im dritten Jahr in Folge das gleiche Smartphone verkaufen.

Auch wirtschaftlich schien es mit dem Unternehmen nach Jahren des Höhenflugs langsam wieder bergab zu gehen. Im ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2016 gingen Umsatz und Gewinn erstmals seit Jahren zurück. Ein Trend, der sich auch im zweiten Viertel fortsetzte und Apples Gewinn auf 7,8 Milliarden Dollar schrumpfen ließ. Viele werteten diese Zahlen als Zeichen dafür, dass Apple für seine „Evolution statt Revolution“-Strategie von den Kunden abgestraft werde. Hinzu kam, dass Konkurrent Samsung im zweiten Quartal seines Geschäftsjahres mit einem Nettogewinn von 7,2 Milliarden Dollar fast zu Apple aufschließen konnte. Ein Machtwechsel an der Spitze der erfolgreichsten Elektronik-Unternehmen der Welt schien nicht mehr allzu weit in der Zukunft zu liegen.

Was viele vergessen: Die Süd-Koreaner verfolgten zumindest in den letzten beiden Jahren eine ganz ähnlich Strategie wie Apple. Mit dem Galaxy S6 hatte sich Samsung von der Praxis der „Plastik-Handys“ mit überladener Software verabschiedet und ein edles Smartphone mit reduziertem Betriebsystem auf den Markt gebracht. Anstatt dieses erfolgreich eingeführte Konzept im Nachfolger über den Haufen zu werfen, baute Samsung auf diesem auf und verbesserte im Galaxy S7 lediglich ein paar Details. Die Rückkehr von IP68-Zertifizierung und microSD-Karten Slot wertet das Gerät sicher auf, ist aber von echter Innovation ein ganzes Stück entfernt. Wieso wird also Samsung dafür gefeiert, ein erprobtes Konzept weiter zu optimieren, während Apple für das gleiche Vorgehen Innovationslosigkeit vorgeworfen wird?

Innovationen: Noch lange kein Garant für gute Verkaufszahlen

Natürlich gab es auch in diesem Jahr Hersteller, die ihre Smartphones fast von Grund auf neu konzipierten. LGs Flaggschiff für 2016, das G5, sieht seinem Vorgänger in vielen Punkten beispielsweise nicht mehr allzu ähnlich. Die für das G4 charakteristische Rückseite aus Leder musste zu Gunsten des modularen Konzepts weichen. Das Gerät lässt sich an der Unterseite öffnen, wodurch nicht nur der Akku gewechselt, sondern auch verschiedene Module angehängt werden können. Zum Verkaufsstart war neben besseren Lautsprechern auch ein Foto-Modul mit Zoom-Rad und Auslöser verfügbar.

Diese Idee des modularer Smartphones ist zwar durchaus innovativ, wirtschaftlich erfolgreich war sie in diesem Fall allerdings nicht. In Südkorea brachen die Verkaufszahlen gegenüber dem Vorgänger um fast 60 Prozent ein und auch in den USA konnte LG rund 9 Prozent weniger Geräte an den Mann bringen. Ende Juni war das erst im Sommer mit einer UVP von 699 Euro eingeführte Smartphone durch Gutschein-Aktionen bereits für 410 Euro zu haben. Ein solch drastischer Preisverfall ist selbst im Android-Bereich selten. Dieser Misserfolg mag an der eher mäßigen Umsetzung des Konzepts mit teilweise schlecht verarbeiteten Modulen liegen, zeigt aber auch, dass die oft herbeigesehnte Innovation noch lange kein Garant für gute Verkaufszahlen ist.

Immerhin waren LG nicht die einzigen, die mit einem innovativen Smartphone dieser Art scheiterten. Googles Project Ara entfernte sich im Laufe seiner Entwicklung immer mehr vom Traum eines komplett modularen Geräts, um schließlich komplett eingestellt zu werden. Das Projekt hatte es bis dahin nicht einmal in den Verkauf geschafft. Nextbit wählte mit dem auf dem Mobile World Congress vorgestellten Modell Robin einen anderen Weg, um sich von der Masse abzuheben. Selten genutzte Daten werden automatisch in die Cloud verschoben und gleichzeitig vom Gerät selber gelöscht. So soll immer möglichst viel Speicher für häufig genutzte Apps freigehalten werden. Zur Markteinführung wurden gerade einmal 6000 Einheiten produziert und verkauft – der ehemalige HTC Design-Chef Scott Croyle hatte mit seiner Firma von Anfang an eher die Nische und weniger den Massenmarkt im Visier.

Wollen wir überhaupt Innovationen?

Diese Entwicklungen werfen vor allem eine Frage auf: Wollen wir überhaupt Innovationen im Smartphonebereich? Oder soll das neuste Gerät bestenfalls genauso aussehen, sich genauso anfühlen und sich genauso bedienen lassen wie der Vorgänger? Als Apple im iPhone 7 mit dem Klinkenstecker einen der ältesten Steckerstandards der Welt zu Gunsten von Lightning wegließ, musste sich der Hersteller dafür einigen Spott gefallen lassen. In Memes und Foren machten sich viele darüber lustig, dass man nun einen Adapter brauche, um gleichzeitig Musik hören und sein iPhone aufladen zu können. Dass Apple damit einen Schritt in Richtung kabellose Zukunft gegangen sein könnte und dank der Stromversorgung über Lightning Unterdrückung der Umgebungsgeräusche („Noise Cancelling“) auch ohne Batterie ermöglicht, spielte in den Diskussionen hingegen nahezu keine Rolle.

Es wäre nicht die einzige Branche, in der Innovationen zwar herbeigesehnt, aber nicht mit einem Kauf belohnt werden. Viele Publisher von Computerspielen sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, ihr Portfolio auf ein paar erfolgreiche Marken zu reduzieren. Nur noch wenige Hersteller sind bereit, sich freiwillig künstlerische und innovative Projekte ans Bein zu binden, die am Ende die Erwartungen nicht erfüllen, die wirtschaftlich an sie gestellt werden. „Call of Duty“, „Battlefield“ oder „FIFA“ in jedem Jahr neu raus zu bringen, ist sicherlich wenig innovativ, dafür finanziell umso erfolgreicher.

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Über den Autor

Hallo, ich heiße Julius und bin 19 Jahre alt. Ich bin immer auf der Suche nach neuen interessanten Apps und schreibe hier beim PXLMAG vor allem über Selbige. Aber auch über andere Themen rund um Technik, die mich interessieren, finden hier ihren Platz.